Die Gegenwart

Das Jahr hat 12 Monate, der Tag zweimal 12 Stunden und die Jazz Gitti hält sich an den griechischen Helden Herakles, denn auch ihm wurden 12 Prüfungen auferlegt. Im Falle der Gitti heißt das, dass die Alben 1 bis 11 (1990 bis 2009) erfolgreich unter die Leute gebracht wurden. Bestanden, weiter so und demzufolge steht jetzt das 12. Album der Gitti, die eigentlich Martha heißt, die ihr Leben aber im glücklichen Tohuwabohu genießt und meistert, am Startblock zum Run auf die Charts.
13. Mai 1946! Martha Bohdal, die spätere Jazz Gitti, kommt in Wien zur Welt. Hineingeboren in eine Zeit wo Schuttberge und Bombentrichter noch zum prägenden Stadtbild gehörten und die “4 im Jeep“ durch eine Stadt schotterten, die gerade dabei war, die dunklen Jahre zu verdauen. Martha ist ein Kind des 2. Wiener Gemeindebezirkes, der Leopoldstadt. Eine Insel zwischen der Donau und dem Donaukanal. Wurstelprater, die Praterauen und das Stettel, das jüdische Wien. Die Leopoldstadt trägt auch den Spitznamen “Brooklyn von Wien”. In der Tat existiert so etwas wie eine Bezirkfreundschaft der beiden Stadtteile. Schmelztiegel der Nationen, jüdische Wurzeln und ein bunter Menschenbogen. Arbeiter, Künstler, Intellektuelle, Strizzis. Rotlicht und Religion leben Tür an Tür. Martha ist ein Kind dieses subkulturellen Kessels und so verwundert es nicht, dass die Frau so ist wie sie ist und weshalb ihr Leben so verlief wie es lief.
Und genau das ist es, was die Künstlerin Jazz Gitti vom eigentlichen Klischee deutlich unterscheidet. Die Frau hat sich nie Gedanken gemacht, wie sich eine Karriere planen lassen könnte. Gittl spielte nie Jazz Gitti, sondern sie war es immer und sie ist es bis heute. Sie holte sich eine blutige Nase mit einem weiteren Jazzlokal, weil die Preise ziviler waren als woanders. Ziviler, weil die Gittl wollte, dass sich jeder sein Essen und Trinken leisten konnte. Gittl war da, kümmerte sich um alles und verlor trotzdem. 1979 wurde “Gittis Jazz Club” geschlossen.
Der Mensch aber, der war so gestrickt wie er ist und polarisierte allein durch das schiere Auftauchen. Die Körperfülle, das lautstarke Auftreten, eine Wiener “Goschn“, die selbst in der Wehmut keine leisen Töne kennt … und eine begnadete Singstimme. Es war nur eine Frage der Zeit bis diese Kombination auf der Bühne wirklich wahrgenommen wurde. Sie ritterte im Fernsehen um die Teilnahme zum Song Contest und hatte auf einmal im ganzen Land glühende Verehrer und Menschen. Die beste Mixtur für höhere Weihen im Showgeschäft. Die kamen dann auch!
Das erste Album hieß “A Wunda”, war aber keines sondern eine logische Konsequenz. Gittl tat das was sie immer tat: Leute unterhalten! Dabei war und ist sie immer extrem authentisch geblieben und so geschah nichts anderes als dass der Erfolg, der sich nun einstellte, die Summe ihres Tuns in all den Jahren zuvor war. Der erste Hit hieß “Kränk di net“ und Gitti stand auf einmal in Monaco auf der Bühne und erhielt aus den Händen von Cliff Richard den World Music Award. Die “Wiener Wuchtl“ wurde vom Fernsehen entdeckt, spielte Theater und machte sehr erfolgreiche elf Alben.
“Männertraum” heißt das brandneue Album und fragt man bei Frau Brigitte Jazz etwas direkter nach, erhält man eine noch direktere Antwort: “Es is jo a so!”. Es folgt eine kurze Pause zum Luftholen und dann präzisiert die Wienerin, die heute im ruhigen Niederösterreich lebt: “Es geht in den Liedern, die auf dieser CD sind, vor allem um eines, um die Liebe und dazu gehört aber auch, dass man über sich selbst lachen können muss, aber unterm Strich bleibt: Jeder Mensch hat jemandem der einen liebt und der ist dann für die- oder denjenigen der personifizierte Traum”. Gitti hat Recht. Aus ihr spricht die Erfahrung der gelebten Jahrzehnte. Selbst bei platonischen Beziehungen bauen sich Traumbilder auf und wie wir alle schon unsere Erfahrungen gemacht haben, sind Träume und die darin projizierten Bilder etwas Subjektives. Genau das aber ist das Gute an der ganzen Geschichte. Ansonsten würden wir alle nur auf Ken und Barbie stehen und unsere liebenswerten Unvollkommenheiten würden glatt gebügelt, aber auf glatten Träumen rutscht man aus. Das geht gar nicht. So läuft das Leben einfach nicht, sondern es ist vielmehr so wie in Gittis neuer CD. Da gibt es Lieder wie “Das Beste ist grad genug” und dazu liefert die Künstlerin die Geschichte von ihrer Lisi-Tante. Die hat mit Altwaren und Verlassenschaften gehandelt. Bei Wohnungsräumungen sind ihr immer wieder Sachen in Originalverpackung in die Hände gefallen. Tischdecken, Vorhänge, Bettwäsche. Das ist doch ein Irrsinn, sich etwas zu kaufen und dann die Dinge nicht zu verwenden. A Blödsinn, ehrlich! Für mich gilt im Heute leben, morgen kann es schon zu spät sein. Eine Textzeile lautet: “All’s was ma ewig plant, passiert meist dann net und später ist’s vielleicht dann irgendwann zu spät.” Das sagt doch eh schon alles und darum dieses Lied.
Ähnlich verhält es sich mit dem Lied “Wie wa des für di”. Es geht um den Respekt, die kleinen Zärtlichkeiten, der Umgang miteinander und zwar dann, wenn die Schmetterlinge im Bauch nur mehr selten kribbeln und der Alltag den Tango der Hormone eingeholt hat. Einmal wieder Blumen bekommen oder unvorhergesehen ein Busserl kriegen, ein einfaches “Schatzl, heut schaust wieder super aus” ins Ohr gesagt bekommen, das tut doch einfach jeder Frau gut. “Die Männer sollen sich einmal am Riemen reißen und alles nicht für selbstverständlich halten”, sagt die Jazz Gitti und die Frauen des Landes danken ihr für diese musikalische Vorlage, die sie sicher alle gerne volée übernehmen.
Die Gitti und ihre Lieder, das ist viel mehr als eine Schlagerkarriere. Sie hat seit jeher das Leben der Menschen nicht nur beobachtet sondern sie war immer mittendrin und daraus hat sie ihre kleinen Alltagsgeschichten gemacht. Ihre letzes Album heißt “Pures Leben” und genau darum ging es bei ihr immer und darum geht es auch in “Männertraum”. Lieder über die Menschen, die Liebe und über sie selbst. Einiges hat autobiografischen Charakter und sie wird nicht müde zu betonen, in ihrem Roman die Liebe des Lebens gefunden zu haben. So klingt die Gitti stimmlich so jung wie selten zuvor. Sie meint, es liegt daran dass sich ihre Stimmbänder nun an die Zigarettenlosigkeit gewöhnt haben, in Wahrheit aber schwebt sie seit Jahren schon auf Wolke Sieben. Man hört das an der Art wie sie intoniert, wie sie sich gefühlvoll ins Arrangement bettet, es da und dort swingt und der “Männertraum” eine Leidenschaft und Leichtigkeit an den Tag legt, die vergessen lässt wie die Jahre vergehen.
Liebe hält jung. Körperlich und geistig. “Wer sagt, dass des net geht” ist der Titel ihrer 1999 erschienenen Biografie. Daran, an dieser positiven Grundeinstellung, hat sie nie etwas verändert auch an ihrem persönlichen Glück gibt’s nix zu rütteln. Das ist das Fundament für ein neues Album wie “Männertraum” und für einen kontinuierlichen Erfolg.